Kaderbewertung: Bleibt in Graz alles beim Alten?

Dienstag, 08.September 2015 - 10:30
27.02.2015, Eisstadion Liebenau, Graz, AUT, EBEL, Moser Medical Graz 99ers vs EC KAC, 52. Runde, im Bild Fans // Fans before the Erste Bank Icehockey League 52nd Round match between Moser Medical Graz 99ers and EC KAC at the Ice Stadium Liebenau, Graz, Austria on 2015/02/27, EXPA Pictures © 2015, PhotoCredit: EXPA/ Erwin Scheriau EXPA

Über das, was in Graz in den letzten Jahren alles passiert ist schüttelt nicht nur die Konkurrenz den Kopf. Selbst das eigene Fanlager hat sich inzwischen einen gewissen Galgenhumor zugelegt und nimmt die Flut an Try Outs und auch die sportlichen Nullnummern der letzten Jahre nur noch rudimentär wahr. In Graz geht es rund, soviel ist sicher. Auch heuer deutet sich eine Fortsetzung dieses Weges an, aber reicht es trotzdem für den Einzug ins Viertelfinale? Als man im vergangenen Jahr bei den Graz 99ers mit Todd Bjorkstrand einen neuen Trainer präsentierte gab es die große Hoffnung, dass das Dasein als Mitläufer in der EBEL ein Ende haben würde. Immerhin kam der neue Mann mit großen Erfolgen aus Dänemark und durfte sich den Kader selbst zusammenstellen. Das tat er dann auch – mit Unmengen an Try Outs, insgesamt 39 eingesetzten Spielern und jeder Menge Unruhe in der Kabine, sowie auch im Umfeld. Die Grazer haben sich mit ihrem Try Out Wahn in der vergangenen Saison nichts Gutes getan. Als man in einer Ligasitzung die ausufernde Try Out Phase innerhalb der EBEL verkürzen wollte waren die Steirer eines der Teams, das sich dagegen gestemmt hat. Damals dachte man noch, dass die anderen Fans „neidisch“ seien, denn die Steirer hatten einen sehr guten Start hingelegt. Spätestens mit dem Ende der Try Out Phase war aber auch der Erfolg dahin. Die Murstädter wurden durchgereicht, schon in November gab es die erste Anfrage von Spielern, die unbedingt weg wollten. Es war hatten sich zur Lachnummer entwickelt, denn ernst nehmen wollte das Spielerkarussell bei den Grazern niemand mehr wirklich. In den letzten vier Jahren verpassten die Steirer drei Mal die Play Offs, haben es nicht geschafft, einen Mannschaftskern aufzubauen und lassen konsequent ihre Spieler nach einem Jahr (oder früher) wieder ziehen. Das ist alles andere als zukunftsorientiert und entspricht nicht dem, wie man in der Sportwelt eine Mannschaft aufbaut. Das Problem: diese Vorgehensweise dürfte sich auch heuer schon wieder fortsetzen. Die Ereignisse der letzten Stunden (2 Abgänge, 1 Neuzugang) lassen dies zumindest befürchten. Ob es wieder diese Ausmaße annimmt wie vor einem Jahr muss abgewartet werden und hängt wohl auch mit dem sportlichen Erfolg zusammen. ###Die Ausgangslage Es war ein turbulentes Jahr, das die Graz 99ers absolviert haben. Die Steirer legten den besten Saisonstart ihrer Vereinsgeschichte hin (13 Siege aus den ersten 19 Spielen), danach kam aber nicht nur ein Loch, sondern ein sportlicher Krater. Aus den folgenden 17 Spielen wurden nur noch 2 Siege geholt. Damit war der Top 6 Zug abgefahren, wieder einmal mussten die Steirer durch die Qualifikation. Dort ging es bitter weiter, denn ausgerechnet im entscheidenden Match gegen den KAC gab man kurz vor dem Ende der Qualirunde ein 3:1 aus der Hand und verlor nicht nur das Spiel, sondern auch die Play Offs aus den Augen. Statistische Fakten 14/15: Power Play: 20,00% (7.) Penalty Killing 84,00% (2.) Fairplay 9,31 Min/Sp (2.) Scoring Effizienz 8,75% (6.) Goalkeeping 91,64% (3.) Tore geschossen: 120 (7.)* Tore erhalten: 132 (6.)* *zwecks Vergleichbarkeit nur aus dem Grunddurchgang Manches Mal können Statistiken so viel verbergen. Das trifft auch bei den Graz 99ers zu. Die Steirer verfügen schon seit mehreren Saisonen über ein ausgezeichnetes Penalty Killing und haben sich unter Todd Bjorkstrand auch was die Disziplin betrifft deutlich gesteigert. Plötzlich stehen die Murstädter in der Fair Play Wertung auf Rang 2! Herausragend war auch die Leistung von Danny Sabourin, der von vielen Experten als einer der besten Torhüter in der Liga gewertet wurde. Dass er den Verein trotz bestehendem Vertrag verließ und nach Frankreich wechselte spricht wohl Bände. Die Offensive der Grazer war das Problemkind letzte Saison. Das Power Play ist zwar im Vergleich zu 2013/14 besser geworden, die Effizienz und auch die erzielten Tore waren Liga-Mittelmaß. Die Steirer haben zwar etwas mehr Tore geschossen als noch im Jahr davor, aber auch etwas mehr Gegentore zugelassen. Was in der Offensive auffällt: es fehlen die herausragenden Akteure. Kein Grazer ist bei den Torschützen unter den Top 20 zu finden, bei den Scorern sucht man am besten erste ab Rang 40 nach einem Vertreter der Steirer. Da platzierte sich nämlich Manuel Ganahl, der allerdings den Verein Richtung Klagenfurt verlassen hat. Trotz der langen Try Out Phase und er vielen getesteten Spieler konnten Bjorkstrand & Co. keine wirklich schlagkräfte Angriffsformation zusammenstellen. Die Erwartungen waren nach einem tollen Saisonstart zu hoch, man fiel tief und schmerzhaft. Das tat weh, nicht nur dem Verein, sondern auch den Fans. Mit einem Zuschauerschnitt von 2.559 Fans pro Partie hat man im Bunker von Liebenau inzwischen viel Platz. Damit ist man nur noch auf Rang 7 was die Zuschauergunst betrifft und hier wird es auch nichts helfen, dass die Halle in den nächsten Jahren adaptiert und modernisiert wird. Nur der sportliche Erfolg bringt die Fans in die Halle zurück. Und Identifikationsfiguren, die man aber nicht hat, weil man auch heuer wieder fast die gesamte Mannschaft ausgetauscht hat. Nun schon 17 Neuzugänge gibt es bei den Grazern zu verbuchen – und wir haben noch keine EBEL Minute absolviert. Eines hat man aber geschafft: die Mannschaft ist jünger geworden, denn ein Großteil der Cracks ist unter 30 Jahre alt. Das sollte der Gesundheit zuträglich sein, ebenso die Tatsache, dass man im Bereich der Physio eine Veränderung vorgenommen hat. Die vielen Verletzungen sollen endlich ein Ende haben und damit der Kader von Saisonbeginn bis zum Ende hin möglichst gesund durchspielen können. Man wollte die letzte Saison hinter sich lassen und vergessen. Doch das wird nur gehen, wenn man bei den Grazern ruhiger arbeitet. Rein sportlich gesehen hat man eine Mannschaft zusammengestellt, die sich Hoffnungen auf einen Top 8 Platz machen darf. Im Vergleich zur Konkurrenz aus den Top Regionen der Tabelle fehlen aber nicht nur Kadertiefe, sondern auch die starken Österreicher im Verein und auch die finanziellen Mittel. Es ist zu erwarten, dass die 99ers erneut nicht in den Top 6 mitmischen können und sich erneut den harten Gang durch die Knochenmühle „Qualifikation“ antun müssen. Insofern hat sich im Vergleich zum Vorjahr von der Erwartungshaltung nichts verändert. Dennoch haben die Graz 99ers einiges zu beweisen. Vor allem müssen sie die eigenen Fans wieder davon überzeugen, dass es sich lohnt, nach Liebenau zu pilgern. HF.at Prognose: Platz 8 bis 11 ###Kaderbewertung Graz 99ers – Torhüter und Abwehr: Torhüter: Abgänge: Dany Sabourin, Wolf Imrich, Jakob Raisp, Zugänge: Sebastian Dahm, Thomas Höneckl, Sebastian Frank Kaum zu glauben, aber wahr: nachdem Dany Sabourin in den letzten beiden Jahren immer einer der besten Torhüter der Liga war und noch einen Vertrag in der Steiermark gehabt hätte, ließ man ihn trotzdem ziehen. Der Kanadier spielt inzwischen in Rouen (FRA) und hat das Kapitel Graz abgeschlossen. Dennoch werden die Steirer auch heuer wieder mit einer guten bis sehr guten Torhüterleistung aufwarten können. Der neu verpflichtete Sebastian Dahm kommt aus Dänemark und hat dort vor allem im Nationalteam überzeugt. Bei der diesjährigen WM in Prag war er mit einer Fangleistung von über 93% herausragend und jetzt hofft man in Graz, dass Dahm diese Leistung auch in der EBEL bringen kann. Mit seinen 28 Jahren ist Dahm im besten Goaliealter und hat auch schon in Nordamerika einige internationale Erfahrung sammeln können. In den letzten Jahren ist der Goalie aber nie über die dänische Liga hinaus gekommen und wird sich nun beweisen müssen. Allerdings hat Dahm mit Thomas Höneckl, der aus Villach gekommen ist, einen durchaus fähigen Backup hinter sich. Höneckl braucht allerdings vor allem eines: Spielpraxis! In den letzten drei Jahren stand er nur in 33 Partien am Eis und konnte dabei nie so richtig überzeugen. Der bald 26-Jährige könnte mit Sebastian Dahm dort fortsetzen, wo die Goalietruppe der Steirer in der letzten Saison aufgehört war. Da stand man bei den Torhütern auf Platz 3 in der Liga. An den Goalies lag es also bestimmt nicht, dass das dann keine so erfolgreiche Saison war. Ob man besser geworden ist wird sich zeigen, allerdings ist man mit Sicherheit etwas ausgeglichener besetzt als noch vor einem Jahr. Bewertung: 4,0 von 5 Punkten Abwehr: Abgänge: Tyler Cuma, Martin Oraze, Mitch Ganzak, Matt Kelly, Stefan Lassen, Jake Marto, Kristof Reinthaler. Zugänge: Mike Marcou, Kevin Mitchell, Corin Konradsheim, Daniel New, Victor Panelin Borg, In der Abwehr der STeirer ist wieder einmal kein Stein auf dem anderen geblieben. Martin Oraze musste schon dieses Jahr weichen, nachdem er das Try Out nicht bestanden hatte. Mit dem Trio Ganzak/Kelly/Lassen hat man die drei punktbesten Verteidiger verloren, Tyler Cuma als Legionär mit österreichischem Pass hat nach einer soliden Saison mit einer in Graz so seltenen positive PlusMinus Bilanz auch keinen Vertrag mehr erhalten. Insgesamt sind 7 Neue in der Abwehr eingeplant gewesen, mit dem Abgang von Martin Oraze steht man derzeit aber nur noch bei 7 Verteidigern. Keine Frage: hier wird noch etwas passieren müssen! Die Tore des nach Villach abgewanderten Matt Kelly soll ein alter Bekannter machen. Kevin Mitchell wurde wieder in die EBEL zurückgeholt und wird bei den 99ers als gereifter und nicht mehr so strafenanfälliger Defender den Quarterback geben. Mit seinem harten Schuss ist der Amerikaner im Power Play eine willkommene Waffe. Mike Marcou und Daniel New sind Spieler, die auf AHL Niveau wenig gezeigt haben und sich im schlechtesten Fall in die Reihe durchschnittlicher 99ers Legionäre einreihen könnten. Der Schwede Victor Panelin Borg wurde für die physische Komponente geholt. Der Dressman gilt aber als Spieler, der viele Strafen nimmt, was wiederum dazu führen könnte, dass die Steirer in der gerade erst so positiv gestalteten Fair Play Wertung wieder abrutschen und im Penalty Killing verstärkt gefragt sind. In der Abwehr werden auf jeden Fall die Legionäre die Kastanien aus dem Feuer holen müssen. Der junge Corin Konradsheim (aus Salzburg), Mario Petrovitz und der schon letztes Jahr frühzeitig abgemeldete Clemens Unterweger sind keine Leistungsträger. Die Defensive ist heuer etwas schmäler aufgestellt, was sich aber noch ändern könnte und wohl auch wird. Mit den derzeit nur 7 Verteidigern und den davon 4 Legionären wird man keine Saison durchspielen können. Drei Linien, mehr werden es auch nicht werden bei den Grazern. Ein Teil davon wirkt nur bedingt EBEL tauglich, was zu fehlen scheint ist die Geschwindigkeit im Spielaufbau. Wie schon vorige Saison startet man mit vielen defensiven Fragezeichen. Bewertung: 2,5 von 5 Punkten ###Kaderbewertung Graz 99ers – Angriff und Trainer: Angriff: Abgänge: Luke Walker, Marek Zagrapan, Miha Verlic, Kevin Moderer, Olivier Latendresse, Manuel Ganahl, Anders Bastiansen. Zugänge: Philip DeSimone, Alexander Feichtner, Matt Fornataro, Peter MacArthur, Stepan Novotny, Morten Poulsen, Viele Abgänge, die so richtig weht tun, haben die Steirer auch in der Offensive. Mit Manuel Ganahl verloren die Murstädter nicht nur ihren Topscorer, sondern einen ihrer wenigen guten Österreicher. Dass auch noch eine der wenigen Identifikationsfiguren, Kevin Moderer, dem Verein den Rücken kehrte ist bitter. Ebenso der Abgang von Olivier Latendresse, der nach einer verletzungsbedingten Seuchensaison in Linz in ganz anderem Umfeld spielen wird. Luke Walker, eigentlich mit neuem Vertrag ausgestattet, hat die Steirer erst heute einvernehmlich verlassen. Es ist also erneut Frischblut gefragt, wenn die Grazer am Freitag in die EBEL starten. Mit dem aus Bozen gekommenen Philip DeSimone hat man einen zuverlässigen Scorer geholt, Peter MacArthur ist ein harter Arbeiter und kennt die Liga ebenso wie Alexander Feichtner. Matt Fornataro wurde erst vor wenigen Tagen verpflichtet und kommt nicht gerade mit dem Ruf eines Scorers aus Schweden in die Steiermark. Stepan Novotny gilt als möglicher nächster Abgang (Try Out) und Morten Poulsen wird sich nach vier Jahren in der zweiten schwedischen Liga erst einmal beweisen müssen. Auch er gilt aber nicht unbedingt als Goalgetter, womit den Steirern ein ebensolcher derzeit fehlt. Der heute präsentierte Jonas Almtorp (SWE) ist ein Routinier, der viele Jahre in der SHL gespielt hat. Alelrdings auch nicht gerade den Ruf eines Torjägers mitbringt. Die Grazer werden über das Kollektiv punkten müssen, haben derzeit aber ohnehin zu viele Stürmer im Kader. Wieder ist man breit aufgestellt, es fehlt aber an Tiefe und auch an der nötigen Klasse. Jede Menge Arbeiter, keine Torjäger – das ging schon letzte Saison nur bedingt gut. Warum sollte das heuer anders sein? Bewertung: 2,5 von 5 Punkten Trainer: Abgang: Zugang: Trainer und sportlicher Leiter in Personalunion – Todd Bjorkstrand darf in Graz schalten und walten. Nach Traumstart und katastrophalem Absturz zum Ende hin ist es grundsätzlich schon einmal überraschend, dass die Grazer weiter an ihrem Trainer festgehalten haben. Das war in der Vergangenheit nicht immer so, allerdings dürfte Bjorkstrand durchaus bewusst sein, dass es nicht ewig so weitergehen kann. Der Coach hat mit seiner Try Out Welle für viel Unruhe gesorgt, war auch bei vielen Spielern in der Kabine nicht unbedingt beliebt und daher suchten viele Österreicher schon seit November letzten Jahres neue Vereine. Das haben sie nun auch allesamt erfolgreich getan, was wiederum dem Kader der Murstädter nicht unbedingt gut getan hat. Eines ist klar: man hat bei den 99ers keine herausragenden Akteure, sondern muss mit einer Mannschaft punkten. Dass das funktionieren kann hat Bozen vor zwei Jahren vorgezeigt. Allerdings braucht man dazu einen Trainer, der ein Team formen kann – und Ruhe im Verein. Wenn Todd Bjorkstrand auch heuer seinen Try Out Weg fortsetzt wird es schwer werden, in der Kabine ein Gemeinschaftsgefühl aufkommen zu lassen. Wenn man heute nicht weiß, wer am nächsten Tag neben einem sitzt ist das nirgends auf der Welt ein besonders förderliches Arbeitsklima. Eine praktisch ganz neue Mannschaft zusammenzustellen und dann zu einer Einheit zu formen ist schwer. Den Grazern würde es aber schon einmal gut stehen, könnten sie einfach nur einen Teamkern aufbauen, um den herum man dann mittelfristig eine Mannschaft gestalten kann. Daran muss man Todd Bjorkstrand messen, nicht am kurzfristigen sportlichen Erfolg. Allerdings werden gute Spieler nur dann kommen, wenn man sportlich mithalten kann und der Verein mehr als nur viele wechselnde Gesichter zu bieten hat. Es ist kein Zufall, dass die besten Spieler der Steiermark nicht in Graz spielen… Bewertung:2,5 von 5 Punkten Gesamtwertung: 11,5 von 20 Punkten ###Die Zwischenwertung in der HF.at Kaderbewertung: 2. Black Wings Linz 15,5 Punkte 3. HC Orli Znojmo 4. VSV 13,5 Punkte 5. Dornbirner EC 12,0 Punkte 6. HC Innsbruck 11,5 Punkte 6. Graz 99ers 11,5 Punkte 8. Olimpija Ljubljana 8,0 Punkte

Quelle: red/KF