Kaderbewertung: Laufen die Graz 99ers auf Sparflamme besser?

Freitag, 02.September 2011 - 8:00
photo_166202_20110804.jpg EXPA © Erwin Scheriau

Sparen, sparen, sparen – wenn man sich in der Eishockeyszene im Sommer ein wenig umgehört hat, dann war genau das die Vorgabe bei der Kaderzusammenstellung in Graz. Nach dem enttäuschenden Abschneiden der letzten Saison soll es nun ein neu zusammengewürfelter Haufen richten. Kann so aus der grauen Ligamaus ein echter Herausforderer werden? Fast 550 Spiele haben die Graz 99ers in den vergangenen 11 Saisonen in der höchsten Spielklasse absolviert – und immer war es nur mäßiger Erfolg, der den Steirern vergönnt war. Das Viertelfinale war das höchste der Gefühle und macht aus den Murstädtern jene Mannschaftn, die unter den aktiven EBEL Teilnehmern am wenigsten Erfolge vorzuweisen hat. Ernüchternd dabei auch das stetig nach unten zeigende Zuschauerinteresse, das in der letzten Saison wieder einmal rückgängig war. Die Grazer sind so etwas wie die graue „Maus der Liga“ - immer im Kampf um das Mittelfeld, aber nie so spektakulär, dass sie die Massen bewegen würden. Das war selbst vor zwei Saisonen so, als man ganz vorne mitspielte und trotzdem nur bedingt mehr Leute in den Bunker pilgerten. ###Die Ausgangslage Nachdem man in der letzten Saison vom teuersten 99ers Kader aller Zeiten munkelte scheint Präsident Pildner Steinburg ein wenig das Interesse an seinem Lieblingsspielzeug verloren zu haben. Zumindest wird für die kommende Saison mit Sicherheit weniger in die Mannschaft investiert, was sich auch in der Qualität des Kaders niederschlägt. Statistische Fakten 10/11: Power Play: 17,28% (10.) Penalty Killing 78,95% (5.) Fairplay 15,53 Min/Sp (2.) Shorthander 6 (5.) Scoring Effizienz 9,35% (5.) Goalkeeping 89,36% (8.) Tore geschossen: 164 (7.) Tore erhalten: 153 (1.) Wirft man einen kleinen Blick auf die statistischen Werte der letzten Saison, zeigen sich die Stärken und Schwächen recht deutlich. In der Abwehr stand man dank einer soliden Torhüterleistung sehr gut, aber im Spiel nach vorne klappte kaum etwas. Vor allem die Verteidiger vermochten für keine Gefahr zu sorgen und so war man in Schlüsselbereichen, wie etwa dem Power Play, einfach nicht konkurrenzfähig. In letzter Konsequenz schlägt sich eine derartige Schwäche auch am Gesamtoutput bei den Toren nieder und nicht umsonst waren die 99ers daher für die „low scoring games“ verantwortlich. Angesichts des Spargedankens hat man sich bei der Problemlösung nicht sehr weit aus dem Fenster gelehnt und auf den ersten Blick den Kader weder quantitativ, noch qualitativ aufgewertet. Ein neuer, unbekannter und auch höchstem Niveau auch unerfahrener Trainer soll dennoch aus einer scheinbaren Mittelklassemannschaft ein Team formen, das die Großen zumindest ärgern kann. Am Ende wird es aber wohl wieder nur für eine Mitläuferrolle reichen und die Steirer kämpfen – wie jedes Jahr – darum, dass sie sich fürs Viertelfinale qualifizieren. Es wäre fast schon eine Sensation, könnten die Murstädter mehr als dieses erreichen. HF.at Prognose: Platz 6 bis 9 ###Kaderbewertung Graz 99ers – Torhüter und Abwehr: Torhüter: Abgänge: Martin Iberer, Oliver Zirngast Zugänge: Artiom Konovalov Bei den Torhüter hat man in Graz einen wichtigen Schritt gemacht, der sich hoffentlich auch auf die Eiszeiten des Backups auswirken wird. Während die Nummer Fabian Weinhandl in der letzten Saison jener Goalie war, der am meisten gespielt hat, kam die Nummer 2 nicht wirklich zum Einsatz. So wirkte Weinhandl überspielt und war nicht immer jener Rückhalt, der er durchaus sein kann. Mit Artion Konovalov haben die Steirer nun einen Mann für die zweite Position hinter Weinhandl geholt, der auf jeden Fall gut genug ist, um in der EBEL als Backup zu agieren. Das hat er schon in Salzburg bewiesen und wird bei den Murstädtern im Sinne einer Entlastung für die Nummer 1 nun wieder etwas mehr Eiszeit bekommen. Das kann auch Fabian Weinhandl nur helfen, denn der 24-Jährige ist ohne Frage einer der beste österreichischen Goalies mit Luft nach oben. Bei den 99ers ist er zur unumstrittenen Nummer 1 gereift, zur absoluten Spitzenklasse fehlt ihm aber noch die Konstanz, die er vielleicht mit der einen oder anderen Pause mehr noch bekommen wird. In der letzten Saison hatte man oft den Eindruck, als wäre es Weinhandl im Alleingang, der die Steirer im Play Off Rennen hielt und die Defensive letzten Endes auch zur besten der Liga machte. Im Ligavergleich kann man sich mit diesem Gespann im Tor durchaus zeigen, ob man aber in Liebenau die großen Unterschiedmacher im Kasten hat sei an dieser Stelle bezweifelt. Konovalov braucht noch Zeit und vor allem Geduld seitens des Vereins, und Weinhandl muss seine Leistungen weiter steigern, um eine ohnehin nicht sehr breit aufgestellte Mannschaft zu stützen. Bewertung: 3,5 von 5 Punkten Abwehr: Abgänge: Victor Lindgren, Mark Brunnegger, Florian Iberer, Jamie Hunt, Nick Kuiper, Yannick Tremblay, Darcy Werenka Zugänge: Sebastien Bisaillon, Cole Jarrett, Kristof Reinthaler, Rodi Short, Dustin VanBallegooie Trotz eigentlich guter Werte in der Defensivarbeit haben die Murstädter ihre Abwehr gehörig umgebaut und viele neue Spieler geholt. Mit Kristof Reinthaler kehrt ein Steirer zurück in die Heimat, der zwar physisch einiges zu bieten hat, eine Offensivwaffe darf man sich vom 23-Jährigen aber nicht erwarten. Das sind auch Sven Klimbacher und Lukas Peicha nicht – sie werden die Arbeiterrollen hinter den Legionären übernehmen müssen. Peicha wird überhaupt um EBEL Eiszeiten zittern müssen, ist derzeit nur Verteidiger Nummer 8. Was den Steirern in der letzten Saison oft gefehlt hat, war der Punch von hinten heraus. Dafür sollen nun die Legionäre Bisaillon, Ban Ballegooie, Cole Jarrett und Short sorgen. Rodi Short kommt aus der Nationalliga, wo er ein Topscorer war, der Sprung in die EBEL ist aber ein großer und der Kanadier wäre nicht der erste, der ihn nicht schafft. Auch Bisaillon war in der ECHL kein herausragender Verteidiger, während VanBallegooie in der etwas schwächer einzuschätzenden Dänischen Liga durchaus zu überzeugen wusste. Dass Cole Jarrett ein zuverlässiger aber nicht gerade mitreißender Verteidiger ist, hat er schon vor zwei Jahren im Dress der 99ers gezeigt. Im Vergleich zum Vorjahr hat man zwar viel umgebaut, eine Verbesserung scheint aber eher nicht in Sicht zu sein. Wenn schon die Offensivproduktion von Tremblay und Werenka zu wenig war, wer soll dann heuer für den Schwung nach vorne sorgen? Bewertung: 3 von 5 Punkten ###KaderbewertungGraz 99ers – Angriff und Trainer: Angriff: Abgänge: Quinn Hancock, Chris Harand, Markus Peintner, JP Pare, Mike Ouellette, Warren Norris, Peter Lenes, Stefan Herzog, Tobias Dinhopel. Zugänge: Zdenek Blatny, Toni Dahlman, Manuel Ganahl, Harry Lange, Olivier Latendresse, Guillaume Lefebvre, Brett Lysak, Patrick Maier, Max Wilfan, Daniel Woger. Es hat fast schon Tradition, dass die Graz 99ers nach jeder Saison ihren Topscorer an die Konkurrenz verlieren. Das ändert sich auch dieses Jahr nicht – und es kommt sogar noch dicker: die Murstädter haben sich im Sommer von drei ihrer fünf besten Stürmer getrennt und haben daher ein Loch von 57 Toren in einer ohnehin nicht gerade gefährlichen Offensive zu stopfen. Das sollen einige neue Legionäre im Angriff, von denen der Tscheche Blatny das Potential zu einer rechten Überraschung hat. Mit Toni Dahlman kehrt ein alter Bekannter in die EBEL zurück, der in der DEL zuletzt aber mehr als nur harmlos war. Brett Lysak hingegen könnte die Rolle eines Ouellette durchaus ausfüllen, denn schon letzte Saison gehörte er in Jesenice zu den besten Scorern der Liga. Die Frankokanadier Latendresse und Lefebvre müssen sich erst auf EBEL Niveau beweisen, wobei zumindest Latendresse in der zweiten deutschen Liga einen guten Eindruck hinterlassen hat. Neben diesen Legionären sind es vor allem die Österreicher, die einen Schritt nach vorne machen müssen. Matthias Iberer gilt seit Jahren als guter Stürmer, ohne jedoch endgültig den Durchbruch geschafft zu haben. Patrick Harand ist ein Allrounder, den man im Notfall auch als Verteidiger aufstellen kann und der Wiener ist mit seiner Routine auch einer der Leader im Team. Ansonsten ist man im Angriff sehr jung geworden und vertraut auf einige Talente, die man zum Teil auch aus der Nationalliga geholt hat. Ein Weg, der bei Erfolg für die Zukunft einiges verspricht und durchaus auch mit anderen Teams verglichen werden können. Dennoch wirkt der Angriff sehr schmal und nicht tief genug besetzt, um mit den Vierliniensystemen der Konkurrenz auf Dauer mithalten zu können. Es gibt zwar einige interessante neue Legionäre mit dem Potential, sich in der EBEL zu behaupten, im Kampf um einen Top Platz ist man aber im Normalfall nicht konkurrenzfähig. Bewertung: 3 von 5 Punkten Trainer: Abgang: Bill Gilligan Zugang: Mario Richer Bill Gilligan ist als Star- und Erfolgstrainer nach Graz gekommen und hat die Murstädter mit hängendem Kopf wieder verlassen. Nichts wurde es aus einer Erfolgsära unter Gilligan und man hätte erwartet, dass die 99ers nun einem anderen erfahrenen Mann das Zepter überlassen. Stattdessen entschieden sich die Steirer für einen mutigen und erfrischenden Schritt: aus Salzburg holte man Mario Richer, der zuletzt bei den Bullen das Farm Team und zuletzt als Co-Trainer auch die Meistermannschaft mitbetreut hatte. Erfahrungen konnte Richer bislang vor allem im Nachwuchsbereich sammeln, war aber auch schon beim Spengler Cup mit dem Team Canada im Einsatz. Die echte Erfahrung auf Bundesliganiveau fehlt dem neuen Trainer also noch und trotzdem könnte diese neue Kombination mit Trainer/junge Mannschaft funktionieren. Richer ist jemand, der hartes, offensives Eishockey fordert und dabei auch den Spaß nicht zu kurz kommen lässt. Mit einer Mannschaft, die im Schnitt knapp 25 Jahre alt ist, könnte das durchaus klappen - zumindest die Pre-Season lässt bei den 99ers Fans Hoffnung keimen. Blickt man aber über die Grenzen der Murstadt hinaus, dann gibt es da ganz andere Kapazunder hinter den Banden, die mit allen Wassern gewaschen sind. Hier muss sich Richer erst beweisen. Bewertung: 3 von 5 Punkten Gesamtwertung: 12,5 von 20 Punkten ###Die Zwischenwertung in der HF.at Kaderbewertung: 1. KAC 17,0 Punkte 2. Vienna Capitals 17,0 Punkte 3. Black Wings Linz 16,5 Punkte 4. VSV 14 Punkte 5. Graz 99ers 12,5 Punkte ###Teamanalyse auf eishockeyexperten.at von Arno Maier Morgen geht es weiter mit Teil 6 in unserer Serie mit Olimpija Laibach.

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